"Schulen werden zu Produktionsstätten von Humankapital"
Prof. Dr. Ingrid Lohmann © Universität HamburgBildende
von Prof. Dr. Ingrid Lohmann
Öffentliche Mittel für Schulen schwinden. Wo der Staat spart, springen allzu gerne Unternehmen ein. Schulsponsoring führt aber dazu, dass Schulen ihre Unabhängigkeit verlieren. Stattdessen halten Marketingmaßnahmen Einzug in den Unterricht und mit ihnen eine rein ökonomische Logik.
Vor Jahren brachte ein Vorfall, der in den Medien sogar international Aufmerksamkeit erregte, die Problematik von Schulsponsoring auf den Punkt. Der Vorfall trug sich an der Greenbrier High School im US-Bundesstaat Georgia zu. Dort kamen die Schüler mehrerer Bezirksschulen zusammen, um im Rahmen eines von der Coca-Cola Company ausgerichteten Wettbewerbs an einer Rallye teilzunehmen. Es gab ein paar Tausend Dollar Preisgeld für die Idee, die am besten zeigte, wie sehr man Coca-Cola liebt. Dafür hatten sich die Schüler der Greenbrier High etwas Besonderes ausgedacht: Unter den Augen eines Dutzends von Coca-Cola-Managern stellten sie sich, gekleidet in rot-weiße T-Shirts von Coca-Cola, so auf, dass das Wort Coke geformt wurde. Und da zog plötzlich der 19-jährige Mike Cameron sein Coca-Cola-Hemd aus und stand in einem Hemd mit Pepsi-Cola-Logo da.
Suspendierung für einen Tag
Die Schule suspendierte Mike Cameron umgehend, wenn auch nur für einen Tag. Den verbrachte er mit Interviews über seinen spektakulären Streich und Kurzauftritten in diversen US-Medien. Sie denke nicht daran, sich dafür zu entschuldigen, dass sie von ihren Schülern anständiges Benehmen erwarte, kommentierte die Schulleiterin. Die Strafe habe sie nicht wegen des Tragens eines Pepsi-Hemds verhängt, sondern weil die Aktion Unruhe gestiftet und das Bild der Schule gestört habe.
Klassenzimmer als Raum für Marketingstrategien
Der Fall schlug solche Wellen, dass sich das Government Accountability Office, investigativer Arm des US-Kongresses, mit den kommerziellen Aktivitäten in Schulen befasste und im Jahr 2000 einen umfassenden Bericht vorlegte. Darin dokumentierte es eindrucksvoll, wie sehr Schulen und Klassenzimmer mittlerweile einen Raum für die Marketingstrategien von Konzernen bieten. Eigentlich müssten Lehrer, von einem genuinen pädagogisch-professionellen Selbstverständnis her, Äußerungsformen von Zivilcourage, gepaart mit Witz und Widerständigkeit, bei Schülern mindestens gutheißen, wenn nicht geradezu anstreben. Schließlich befinden wir uns in Ländern mit demokratischer Verfassung. Dieses Selbstverständnis widerspricht jedoch heute mehr und mehr der Unterwerfungshaltung, die Schulleitungen durch absichtsvoll knapp gehaltene Haushaltsmittel annehmen.
Privatisierung des öffentlichen Sektors
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) verfolgt meiner Meinung nach eine Strategie, die den öffentlichen Sektor privatisieren will. Ein programmatischer Bestandteil dieser Strategie ist es, das Budget staatlicher Schulen zu verknappen. Und das nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Verantwortlichen legitimieren die Strategie durch das Mantra von den "leeren öffentlichen Kassen". In den Verlautbarungen der OECD steht zwar, dass besonders Deutschland die Bildungsausgaben steigern muss. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass es darum geht, den staatlichen Anteil zu senken und den privaten Anteil zu erhöhen. So gibt es seit den 1990er Jahren einen qualitativen Sprung in der Art der Steuerung des Bildungswesens: Als wichtiger Wert gilt nicht mehr dessen relative Autonomie gegenüber den außerschulischen Sphären Politik und Ökonomie. Nach einer kurzen Phase der Politisierung der Schule in den späten 60er und in den 70er Jahren geht es heute vielmehr darum, die Grenzen zwischen dem Pädagogischen und dem Ökonomischen zum Verschwinden zu bringen.
Rechengrößen für die Kapitalverwertung
Dies geschieht in unterschiedlichen Gestalten, die paradoxerweise alle Titel wie "Autonomie", "Eigenverantwortlichkeit" oder "Selbständigkeit" tragen. In Wirklichkeit verlieren die Schulen gerade diese Attribute. Sie werden zu den Wirtschaftsunternehmen vorgelagerten Produktionsstätten von Humankapital. Schulen, Unterrichtsmaterialien, selbst die Schüler – zum Beispiel wenn Unternehmen mittels gesponsorter Computer ihr Verhalten für Marketingzwecke ausforschen – sind in den allermeisten Erscheinungsformen von Schulsponsoring nichts als Rechengrößen für die Kapitalverwertung. Und Gelegenheiten zur Entfaltung subtilster Herrschaftsformen. Darüber können vollmundige Deklarationen von "Corporate Social Responsibility" nicht hinwegtäuschen.
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