BNE-Journal: Ganzheitliche, praxisorientierte Bildung als Voraussetzung für erfolgreiche CSR

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Ganzheitliche, praxisorientierte Bildung als Voraussetzung für erfolgreiche CSR

BildanfangArtikel_Dr. Lothar RiethDr. Lothar Rieth © TU DarmstadtBildendeBildanfangArtikel_Oliver GlindemannOliver Glindemann © Hochschule DarmstadtBildende

von Dr. Lothar Rieth und Oliver Glindemann

Im Zuge der Diskussion um Corporate Social Responsibility (CSR) gilt es für Unternehmen, ihre Geschäftspraktiken sowohl an ökonomischen, als auch an sozialen und ökologischen Zielen auszurichten. Weil Bildungskonzepte zu diesen Themen fehlen,  sind Entscheidungsträger in Unternehmen dabei häufig überfordert. Interdisziplinäre und praxisorientierte Bildungsansätze können Abhilfe schaffen.

Warum reden wir heute über gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen?

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure in der internationalen Politik stetig zugenommen. Insbesondere in den 1990er Jahren hat der Globalisierungsprozess an Dynamik gewonnen, vor allem multinational agierende Unternehmen haben ihn angetrieben. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass Wissenschaftler soziale, wirtschaftliche und politische Prozesse kaum noch separat voneinander diskutieren und analysieren können. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges standen vorwiegend Nationalstaaten im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussionen. Heute prägen zunehmend zivilgesellschaftliche und privatwirtschaftliche Akteure die öffentliche Meinung und politische Entscheidungsprozesse mit. Multinationale Konzerne entscheiden aus Kostengründen über Investitionen und darüber, Arbeitsplätze von einem Land ins andere zu verlagern. Sie verhandeln mit Nationalstaaten auf Augenhöhe, wie zuletzt beispielsweise wieder im Falle von General Motors während der Wirtschafts- und Finanzkrise zu sehen war. Andererseits gibt es starke transnationale soziale Bewegungen. Besonders über gut organisierte zivilgesellschaftliche Gruppen, wie den Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), sind sie in der Lage, Themen wie Umweltschutz, Entschuldung der Dritten Welt oder die Verbannung von Landminen auf die politische Agenda zu setzen.

CSR: Einhaltung von Gesetzen oder freiwillige soziale und ökologische Ausrichtung?

Wie sich nationale Gesellschaften sozio-ökonomisch entwickeln, hängt stark vom jeweiligen Zustand der Wirtschaft ab. Deshalb trägt jedes einzelne Unternehmen immer mehr gesellschaftliche Verantwortung. Dieser Befund gilt weltweit und trifft auf Nationen und Gesellschaften in der Welt der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wie auch in der Nicht-OECD-Welt zu, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen. So bedeutet die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung in OECD-Staaten qualitativ etwas anderes als in Nicht-OECD-Staaten. Große deutsche Unternehmen wie BASF, RWE oder Siemens zeichnen sich in ihren Corporate Social Responsibility-Strategien in Deutschland im Allgemeinen durch Maßnahmen und Aktivitäten aus, die über das bloße Einhalten geltender Gesetze hinausgehen. Sie bemühen sich zum Beispiel, den Energieverbrauch stark zu senken, Weiterbildungsmaßnahmen für Mitarbeiter zu fördern oder den Frauenanteil im höheren Management zu steigern. Ernstgemeinte CSR-Aktivitäten orientieren sich dabei am Triple-Bottom-Line-Prinzip. Es besagt, neben ökonomischen Aspekten auch soziale und ökologische Gesichtspunkte möglichst gleichgewichtig einzubeziehen. In nicht-entwickelten Ländern oder Staaten, die sich in einem Transformationsprozess befinden, gelingt das oft nur zum Teil. Denn hier verstehen Unternehmen darunter meistens primär bestehende nationale Gesetze und internationale Vorgaben einzuhalten. Viele Staaten vernachlässigen aber im Kampf um eine möglichst hohe Standortattraktivität im globalen Wettbewerb die soziale und ökologische Säule. Unternehmen in diesen Ländern stehen daher besonders im Fokus, einen aktiven Beitrag zur sozio-ökonomischen Gesellschaftsentwicklung zu leisten.

Schwache Staaten ohne Durchsetzungsmacht

Unternehmen stehen in der Nicht-OECD-Welt häufig vor der Wahl: Entweder sie nutzen zu ihren Gunsten aus, dass Staaten untätig sind oder sie etablieren Mindeststandards - alleine, mit Regierungen oder gemeinsam mit Wettbewerbern. In diesem Fall haben die jeweiligen Gesellschaften eine faire Chance, sich nachhaltig weiterzuentwickeln. Viele Regierungen verfügen in diesen teilweise sehr fragilen Staaten nicht über eine umfassende Verhandlungs- und Durchsetzungsmacht. Zudem können Unternehmen mit exklusivem Wissen und besonderen Kompetenzen Staaten im Entwicklungsprozess unterstützen. Auch wenn die CSR-Debatte in der Regel immer von freiwilligen Maßnahmen von Unternehmen spricht, so betrifft dies in der Realität fast ausschließlich unternehmerische Aktivitäten in Staaten der OECD-Welt. In der Nicht-OECD-Welt geht es häufig zunächst darum, nationale und internationale Gesetze einzuhalten.

Die Anfänge der CSR-Bewegung in den 1990er Jahren

Bis vor 10 Jahren standen Entscheidungsträger in Unternehmen generell vor der Frage, ob sie sich mit so genannten weichen Themen wie Ökologie und Soziales aktiv auseinandersetzen sollten. Denn diese Bereiche tragen scheinbar wenig oder gar nicht zum ökonomischen Geschäftserfolg bei. Dabei stand intern zur Debatte, ob das Unternehmen neue Planstellen einrichtet und wo es diese ansiedelt. Außerdem stellte sich die Frage, wie ein Unternehmen mit finanziell geringen Mitteln der interessierten Öffentlichkeit vermitteln kann, dass es sich auch um gesellschaftliche Belange kümmert. Insbesondere bis Ende der 1990er Jahre und Anfang dieses Jahrhunderts dominierten in der Folge stärker Greenwashing- als langfristig ausgerichtete, im Unternehmen verankerte CSR-Aktivitäten. Unternehmen waren (und sind zum Teil bis heute) mit diesen vermeintlichen CSR-Maßnahmen weniger darauf bedacht, ihre Geschäftsmodelle zu hinterfragen und neue sozial und ökologisch verantwortliche Strategien zu entwickeln und umzusetzen. Im Vordergrund standen geschickt inszenierte Marketing-Maßnahmen, die das öffentliche Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit aufpolieren sollten. Dass die Veredelung von Produktbotschaften mit Zusätzen wie "Bio", "Öko" und "Fair" aus einem gewöhnlichen Unternehmen noch kein umweltbewusstes und sozial verantwortliches Unternehmen macht, war nicht nur vielen Konsumenten klar. Vor allem den NGOs war diese Taktik ein Dorn im Auge. Sie fühlten sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass die Industrie ihre auf dem Umweltgipfel der Vereinten Nationen in Rio im Jahre 1992 gemachten Versprechen nicht mit Taten untermauerte. In Rio hatten viele Unternehmen zugesichert, ihre Maßnahmen im Rahmen von Umweltberichten (den Vorläufern von Nachhaltigkeitsberichten) zu dokumentieren. Doch setzten in der Folge nur wenige Unternehmen diese Zusagen in die Tat um. Die Unternehmen brachen also ihre Versprechen von Rio. Ein Verhalten, das Wissenschaftler wiederholt damit erklären, dass Manager und Kaufleute soziale und ökologische Themen bei der Planung von Geschäftstätigkeiten generell ablehnen oder ignorieren. Diese Begründung greift aber vielleicht ein wenig zu kurz. Denn häufig ist es diesen fast ausschließlich betriebswirtschaftlich ausgebildeten Managern prinzipiell fremd, neuen nicht rein-betriebswirtschaftlichen Herausforderungen ganzheitlich und interdisziplinär zu begegnen.

Globalisierung und CSR erfordern neue (Bildungs-)Konzepte

Die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen ist ein komplexer Prozess, der viele Manager in Unternehmen bereits beim Erstkontakt irritiert. Im ersten Moment sehen viele Manager eher die Gefahren als die Chancen, die das Thema CSR bietet. Ob sie sich ernsthaft dafür einsetzen, ihr Unternehmen schrittweise am Prinzip der nachhaltigen Entwicklung auszurichten, hängt von vielen (Rahmen-)Bedingungen ab. Die Manager müssten sich dafür entscheiden, einen potentiell langfristig lohnenden, zunächst aber beschwerlichen CSR-Weg einzuschlagen. Ein maßgeblicher Faktor für oder gegen CSR-Aktivitäten ist nicht zuletzt der Ausbildungshintergrund der Entscheidungsträger. Unternehmer können, wie oben beschrieben, unterschiedliche Strategien verfolgen. Sie können ausschließlich zum Wohle des Unternehmens oder im erweiterten Sinne auch zum Wohle von Unternehmen und jener Gesellschaften, in denen Unternehmen über ihre Wertschöpfungskette präsent sind, handeln. Entscheidungen hängen nicht zuletzt stark von der jeweiligen disziplinären Sozialisation der Manager in der Ausbildung zusammen. Ein Ökonom denkt stärker in Angebot- und Nachfrage-Zusammenhängen, ein Jurist wägt die Einhaltung unterschiedlicher gesellschaftlicher Regeln und Normen ab. Ein Politikwissenschaftler analysiert gesellschaftliche Prozesse und untersucht, welche Bedeutung Institutionen und welche Motivation Akteure haben. Ein Umweltwissenschaftler hingegen prüft, wie sich Prozesse auf Mensch und Natur auswirken. Kurzum, jeder Mitarbeiter in einem Unternehmen fokussiert bei seinen Handlungen bestimmte Aspekte und blendet andere aus. Die jeweils vorliegenden Dilemmata sind für viele auf den ersten Blick nicht sichtbar und daher oft nur schwer nachvollziehbar. Um Chancen der nachhaltigen Entwicklung zu erkennen, muss es gelingen, diesen disziplinären Tunnelblick aufzubrechen. Langfristig gesehen ist es für Unternehmen schlicht notwendig, komplexe Problemsituationen ganzheitlich zu betrachten, um auch in Zukunft erfolgreich wirtschaften zu können. Es bedarf also besonderer Bildungskonzepte, damit Entscheider in Unternehmen diesen Überblick über Handlungsoptionen erhalten, mit denen sie Herausforderungen bearbeiten und lösen können. Dieses Bildungsverständnis bezieht sich nicht nur auf bestimmte Ausbildungsphasen, sondern erstreckt sich auf alle Lebensphasen von der Schule über die duale Ausbildung und das Universitätsstudium bis hin zur Weiterbildung. Speziell im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist klar begründet, weshalb lebenslanges Lernen notwendig ist. Die starke Veränderung der sozialen, ökologischen und politischen Rahmenbedingungen in den letzten 20 Jahren hat dazu geführt, dass interdisziplinäre Fähigkeiten wichtiger sind. Dies ist auch zentral, um CSR zielgerichtet und zweckmäßig in Unternehmen zu verankern.

Ein Plädoyer für praxisorientierte, interdisziplinäre CSR-(Aus-)Bildung

Bisherige Bildungskonzepte konzentrieren sich primär darauf, Wissen zu vermitteln und richten sich darüber hinaus bisher fast ausschließlich an klaren Disziplingrenzen aus. Anwendungsorientierte Bildungskonzepte, die zudem nicht nur auf interdisziplinäre Aspekte hinweisen, sondern diese aufgreifen, sind noch die  Ausnahme. Das gilt generell, aber auch in Hinblick auf Themen wie CSR und Nachhaltigkeit. CSR-Bildung ist jedoch kaum möglich, ohne Herausforderungen umfassend zu bearbeiten und ohne Disziplingrenzen zu überschreiten. Überdies stößt die rein abstrakte theoretische Wissensvermittlung ohne direkten Praxisbezug an ihre Grenzen. Um CSR und Nachhaltigkeit zu verstehen ist es zentral, interdisziplinäre Fragestellungen anhand von konkreten Anwendungsbeispielen zu illustrieren. Die direkte projektbasierte Auseinandersetzung mit Dilemmata-Situationen ist noch sinnvoller, wenn es darum geht, Konsequenzen einzelner Entscheidungen für Ökonomie, Umwelt und Gesellschaft zu verstehen. Ein nachhaltiges Verständnis, dass die Grundlage für nachhaltiges Handeln legt, ist nicht möglich, ohne die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Am Beispiel der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 lässt sich sehr gut zeigen, dass viele Entscheidungsträger (nicht nur, aber insbesondere) in der Wirtschaft die Konsequenzen ihrer kurzfristigen, zum Teil sehr riskanten und verantwortungsbegrenzenden Geschäftsausrichtung nicht erkannten. Eine zweckmäßige CSR-Ausbildung muss daher das Ziel verfolgen, Schülern wie auch Universitätsabsolventen und Unternehmensmitarbeitern die Tragweite ihres Handelns bewusst zu machen. Das bedeutet, dass sie nicht nur ökonomische, sondern auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihres Handelns berücksichtigen und in ihre Entscheidungen mit einfließen lassen. Hier sind interdisziplinäre Kurse, Seminare und Projektveranstaltungen mit offenen Diskussionen und der praktischen Anwendung des gelernten Wissens auf aktuelle, realitätsbezogene Fragestellungen eine geeignete Lernform. Nur wenn Menschen ihr eigenes Handeln reflektieren und auch über die Grenzen des eigenen Faches hinaus vertreten müssen, verstehen sie, welche individuelle Verantwortung gegenüber Natur, Gesellschaft und nachkommenden Generationen sie haben.

Ausblick: CSR als Chance für Unternehmen und Gesellschaft verstehen lernen

CSR-Bildung erfordert aufgrund der Komplexität des Themas einen integrierten vernetzten und anwendungsorientierten Lernansatz. Die Zunahme gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen im 21. Jahrhundert hat zur Folge, dass wir uns mit interdisziplinären Fragestellungen auseinandersetzen müssen, um das Verhalten von Unternehmen bewerten zu können. Unternehmen stehen vor vielfältigen Herausforderungen, auf die einige bisher nur mit Greenwashing-Aktivitäten reagiert haben. Einzelne veröffentlichen jährlich Nachhaltigkeitsberichte, andere orientieren sich an freiwilligen globalen Standards, wiederum andere übernehmen verstärkt philanthropische Maßnahmen wie die Förderung von Kunst und Kultur: Das CSR-Thema ist vielschichtig. Wir müssen es jeweils auf große und kleine Unternehmen anpassen und es aus verschiedenen individuellen Blickwinkeln als Manager, Verbraucher, Kunde, NGO-Mitarbeiter oder als Elternteil betrachten. Um unternehmerische Maßnahmen fair einordnen zu können, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, müssen wir zunächst interdisziplinäre Zusammenhänge verstehen, damit wir die richtigen Fragen stellen können.


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