Dr. rer. pol. Dieter Korczak: "Ich konsumiere, also bin ich"
Dr. Dieter Korczak © GP-ForschungsgruppeBildende
Dr. rer. pol. Dieter Korczak ist Volkswirt und Soziologe und Geschäftsführer des Instituts für Grundlagen- und Programmforschung in München. Der Experte für Konsumforschung beschreibt, welchen Wert Geld in unserer Gesellschaft einnimmt und wie ein Umdenken stattfinden kann.
Welchen Stellenwert nimmt Geld in unserer Gesellschaft ein?
Die Geldwirtschaft begann mit der Renaissance. Davor lag der ursprüngliche Sinn des Geldes nur darin, Werte zu horten. Heute ist Geld zu einem zentralen, alles beherrschenden Thema in unserer und anderen Gesellschaften geworden. Geiz und Glück, Gier und Luxus, Macht und Status, Eitelkeit und Narzissmus, Armut und Mangel sind Facetten dieses Gegenstandes. Dabei hängt der Wert des Geldes im Wesentlichen von den individuellen Vorstellungen über das Geld als wertbeständiges Tauschmittel ab. Dass der Wert des Geldes damit eine Fiktion ist, sehen wir an der gegenwärtigen Krise, die erst eine Bankkrise, dann eine Wirtschaftskrise und jetzt eine Staatenkrise geworden ist.
Wie bestimmt Geld unser Zusammenleben?
Im Zusammenleben gibt es materielle und immaterielle Austauschbeziehungen. Entscheidend für das persönliche Glück ist der immaterielle Austausch. Geld macht definitiv nicht glücklich. Glücksforscher haben belegt, dass jede zusätzliche Geldeinheit, die über 20.000 Euro jährlich hinausgeht, nicht glücklicher macht. Dennoch ist es der Ökonomie gelungen, Geld als den entscheidenden Wertmaßstab in den Köpfen der Menschen wie in den realen Verhältnissen zu platzieren. Das führt dazu, dass nur Leistung und Arbeit zählen, die in Geld bemessen und entlohnt werden. Diese Logik ist in jeden einzelnen Haushalt eingezogen. Gleichzeitig kennt die Kommerzialisierung der menschlichen Arbeitskraft zurzeit keine Grenzen. Geld ist zum Träger einer quasi-religiösen Verheißung geworden. Sprüche wie "Zeit ist Geld" haben sich als Glaube durchgesetzt. Vollständig auf Geldvermehrung fokussiert häufen wenige Menschen immer mehr Geld zu immer höheren Geldtürmen. Die seit 2008 andauernde Krise hat die "Religion des Kapitalismus" jedoch entzaubert. Viele Menschen stellen fest, dass für das Zusammenleben beispielsweise Freundschaft, Zuwendung, Solidarität, Toleranz, Verständnis, Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit, gesellschaftliche Teilhabe wesentlich wichtiger als Geld sind.
Was bedeutet Konsum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene?
Wir leben gegenwärtig in einer "Brot-und-Spiele-Welt", einer Spannungs- und Unterhaltungsindustrie. Ein permanentes massenmediales Amüsement und überbordende Konsumangebote lenken von Lebensverhältnissen ab, die immer schwieriger, komplexer und undurchschaubarer sind. Die Bevölkerung wird auf diese Weise ruhig gestellt. Der Konsum erstreckt sich für alle Altersgruppen nicht mehr nur auf den Kauf von Produkten. Stattdessen konsumieren viele Menschen mittlerweile auch Beziehungen und Lebensschicksale: "Ich konsumiere, also bin ich". Unternehmen teilen Menschen von frühester Kindheit an in markenspezifische Zielgruppen ein und bearbeiten sie mit einer gigantischen Werbe- und Marketingindustrie. Auf jeden Menschen strömen tagtäglich mindestens 3.000 verschiedene Werbebotschaften ein. Es ist schwierig geworden, sich dem zu entziehen und sich tatsächlich eine eigene Meinung zu bilden.
Was muss Bildung beitragen, um andere Werte zu vermitteln?
Bildung ist die wesentliche Chance, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Deshalb darf es im Bildungsangebot nicht durch so genannte Private-Public-Partnerschaften zu einem Austausch pädagogischer durch ökonomische Denkfiguren kommen. Bei der Bildung geht es nicht lediglich um Informationsvermittlung. Informationen gibt es mehr als genug, hier besteht eher die Gefahr des Information-overload und Informationsstresses. Aber wirkliche Bildung kann es nie genug geben. Durch Bildung entwickeln Kinder und Jugendliche die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, einzuordnen und in ihren Konsequenzen zu analysieren. Dazu gehört auch, zu erkennen, welche Informationen fehlen, manipuliert oder bewusst verschwiegen werden. Bildung sollte weiterhin dem Humboldtschen Ideal folgen und umfassend sein. Zur Lösung der aktuellen und zukünftigen Probleme dieser Welt bedarf es einer ganzheitlichen Sicht und einer umfassenden historischen Kenntnis. In den rund dreitausend Jahren menschlicher Kulturgeschichte sind bereits Antworten auf Probleme gegeben worden, die uns heute plagen. Einige Antworten waren folgenschwere Irrtümer, andere brauchbare Lösungen. Bildung muss Fähigkeiten fördern, die helfen, Probleme zu bewältigen. Dazu gehören weiterhin soziale Sensibilität und Kompetenz, Kreativität, vernetztes Denken, demokratisches politisches Verständnis und Reflexionsfähigkeit.
Nachhaltigkeit scheint oft ein Thema für Besserverdiener, die sich den Einkauf im Bio-Supermarkt leisten können. Wie kann Nachhaltigkeit auch in andere Schichten vermittelt werden?
Der Einkauf von Biowaren deckt ja nur einen kleinen Bereich nachhaltigen Verhaltens ab. Weitaus wesentlicher ist unser Mobilitätsverhalten. Das betrifft sowohl die Benutzung von Autos und Flugzeugen wie auch den Einkauf regionaler und saisonaler Produkte. Erdbeeren, die zum Beispiel im Winter nach Deutschland eingeflogen werden, verbrauchen enorm viel Wasser und Energie. Der ökologische Fußabdruck zeigt, wie viel Fläche der Erde jeder Mensch für seinen Lebensstil theoretisch verbraucht. Diese Fläche steigt durch Flugreisen und Autofahrten stark an. Besserverdienende haben dadurch in der Regel einen schlechteren ökologischen Fußabdruck als ärmere Menschen. Unsere Mobilität basiert darauf, dass wir Öl und daraus resultierende Folgeprodukte bis hin zur Plastiktüte nutzen. Das enorme ökologische Risiko, das mit Ölproduktion verbunden ist, sehen wir akut an der Ölkatastrophe im Mexikanischen Golf aufgrund der Lecks in den Tiefseeölförderungsanlagen. Jenseits von allen Schichtzuordnungen müssen wir lernen, unser Mobilitäts- und Konsumverhalten von der Ölförderung abzukoppeln und vollständig auf regenerative Energien zu setzen.
Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation, zum Seitenanfang



