BNE-Journal: Ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"



Ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung

BildanfangArtikel_PiorkowskyProf. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky Universität BonnBildende

von Prof. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky

Ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt ein Verständnis von Wirtschaft und Wirtschaften als "Stoffwechsel des Menschen mit der Natur". Sie betrachtet Ökonomie nicht als einen sich selbst regulierender Geld- und Güterkreislauf, sondern als eingebettet in die Gesellschaft und Natur-Umwelt.

Aus ökologischer Sicht ist der Wirtschaftsprozess ein Prozess, bei dem Naturgüter in Investitions- und Konsumgüter sowie in Rest- und Schadstoffe transformiert werden. Aktivitäten der Menschen treiben diesen Prozess an: Sie müssen auf die Güter der Natur zurückgreifen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Aber das heutige Niveau von Produktion und Konsum in den Industrieländern ist nicht nachhaltig, sondern gefährdet die Lebensgrundlagen aller Menschen. Um diesen Prozess vernünftiger zu gestalten, müssen wir alte, überkommene Denkweisen überwinden und neue Handlungsmuster festigen. Hinter uns lassen müssen wir zum Beispiel die verbreitete Gleichsetzung von "der Wirtschaft" mit dem Unternehmenssektor. Dass die ökonomische Dimension der Bildung für nachhaltige Entwicklung noch zu kurz kommt, liegt auch daran. Denn die Wirtschaft, das sind wir!

Vom Wirtschaftskreislauf zum Raumschiff Erde

Das Modell des Wirtschaftskreislaufs ist das weltweit bekannteste Modell einer Marktwirtschaft. Es ist in fast allen  Lehr- und Schulbüchern zu finden und prägt das gängige Wirtschaftsverständnis. Aber dieses Modell stellt nur die geldvermittelten Aktivitäten und Beziehungen im Wirtschaftsleben dar. Ökonomische Aktivitäten außerhalb des Geldkreislaufs bildet es nicht ab. Insbesondere die unbezahlte Haushalts- und Familienarbeit sowie ehrenamtliche Tätigkeiten kommen nicht vor. Die Institutionen, darunter Privathaushalte und Unternehmen, sind im Kreislaufmodell immer schon vorhanden. Ihre Entstehung und Entwicklung betrachtet es jedoch nicht. Auch die Einbettung der Wirtschaft in die natürliche Umwelt bleibt weitgehend unberücksichtigt. Damit vernachlässigt das Modell die Tatsache, dass Menschen elementare Rohstoffe als Produktions- und Konsumfaktoren aus der Natur entnehmen und Rest- und Schadstoffe, die bei Produktion und Konsum anfallen, in der Umwelt landen. Ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung muss folglich von einem anderen Modell der Wirtschaft ausgehen und dabei die Naturbasis der Wirtschaft einbeziehen. Ein solches Modell ist das der Raumschiff-Ökonomie.

Raumschiff-Ökonomie bedeutet: Die Erde kreist auf einer Umlaufbahn um die Sonne. An Bord sind nur begrenzte Rohstoffvorräte und Verschmutzungsbereiche. Sind die Rohstoffe und/oder der Deponieraum erschöpft, dann kommen der Wirtschaftsprozess und damit das menschliche Leben auf der Erde zu einem Ende. Denn das Wirtschaften unterliegt unter anderem den Gesetzen der Thermodynamik. Danach können Energie und Materie weder hergestellt noch vernichtet, sondern nur in ihrer Form verändert werden. Auch eine Recycling-Wirtschaft auf hohem Niveau ist nicht auf Dauer möglich, denn nicht alle Schad- und Reststoffe können zurückgehalten, wiederverwendet oder neutralisiert werden; und Recycling erfordert stets zusätzliche Energie. Die Menschen müssen folglich abwägen zwischen mehr oder weniger Gütern des Marktes und Gütern der Natur – eine typisch ökonomische Aufgabe, wenn sie als solche erkannt wird.

Die Metapher vom Raumschiff Erde stammt von dem amerikanischen Ökonomen Kenneth Boulding. Er kritisierte in seinem Essay über "The Economics of the Coming Spaceship Earth" 1966 (Abdruck in: Beyond Economics, Ann Arbor 1970), dass ökonomische Analyse und Politik Tatsachen der Natur sowie Erkenntnisse der Biologie und Physik vernachlässigten. Seine Kritik galt der überholten Vorstellung von einer Cowboy-Ökonomie, in der  - wie in den Weiten des amerikanischen Westens - Umweltmedien wie Boden und Luft als vermeintlich freie Güter keinen Preis haben und unbegrenzt zur Verfügung zu stehen schienen.

Vom Rollenspezialisten zum ganzen Menschen

Eng verbunden mit dem Kreislaufmodell der Wirtschaft ist die Vorstellung von unterschiedlichen Rollen der Menschen in der Marktwirtschaft. Die Haushalte werden als Anbieter von Produktionsfaktoren, Nachfrager von Marktgütern und Konsumenten betrachtet; und die Unternehmen gelten als Nachfrager der Produktionsfaktoren, Produzenten und Anbieter der Marktgüter. Aber mit einem aufgeklärten Wirtschaftsverständnis erschließt sich, dass sowohl Unternehmen als auch Haushalte konsumieren und produzieren. Denn Produktion und Konsum sind in dem materiellen Transformationsprozess des Wirtschaftens lediglich zwei Seiten einer Medaille: die Nutzung der Natur, um konsumierbare Güter bereitzustellen. Die Produktion endet nicht an der Wohnungstür; und die Haushaltsmitglieder sind keine Endverbraucher, sondern im Zuge ihres Haushaltsproduktions- und Konsumprozesses regenerieren sie ihre Vitalfunktionen, bilden Humanvermögen und gewinnen Lebenszufriedenheit.

Es sind letztlich die Lebensbedürfnisse der Menschen, die sich auf die Natur auswirken. Da ist es nicht zielführend, die Haushaltsmitglieder nicht ganzheitlich, sondern als Rollenbündel zu betrachten und sie zu motivieren, in parzellierten Rollen gut zu funktionieren. Sie sollen nach diesem Wirtschaftsverständnis  als Konsument hohe Qualität zu niedrigen Preisen wünschen, als Arbeitnehmer einen sicheren Arbeitsplatz mit hohem Entgelt fordern und als Bürger sozial, politisch und ökologisch korrekt auftreten. Das führt zu schizophrenen Ergebnissen: In der Käufer-Rolle müsste man Billigimporte begrüßen, aber als Arbeitnehmer verfluchen. Nach diesem Bild der Wirtschaft ist es Pflicht der Konsumenten, durch ihre Nachfrage die Binnenkonjunktur anzukurbeln -  obwohl mehr Produktion und Konsum mehr Umweltbelastung bedeutet. Solche Ansichten blockieren die Suche nach Wegen, um Konflikte zwischen verschiedenen Rollen aufzulösen. Blockaden dieser Art hat Burkhard Strümpel empirisch aufgedeckt und in seinem Essay "Grüne Gefühle – technokratische Argumente" (Universitas, 4/1987) analysiert. Tatsächlich verhält sich immer der ganze Mensch. Ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung muss folglich von einem anderen Menschbild ausgehen und den ganzen Menschen in den Blick nehmen.

Der Einzelne steht immer wieder vor Entscheidungen, bei denen Zielkonflikte entstehen: etwa Geldsparen versus Einkauf nachhaltig produzierter Waren. Solche Zielkonflikte können sich nur aufgelösen, wenn wir widerstreitende Motive in einem Werte- und Zielsystem reflektieren können. Für eine Werteorientierung im Sinne der nachhaltigen Entwicklung müssen wir zunächst das enge, eindimensionale, nur auf die Geldwirtschaft fixierte Verständnis von Wirtschaft und damit die Gleichsetzung von materiellem Güterreichtum mit Wohlstand überwinden. Die ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung thematisiert diesen Aspekt des Wirtschaftens als einen zweiten grundlegenden Transformationsprozess: als mentale Transformation von Bedürfnissen in konkretere Wünsche und in noch konkretere Ziele des Handelns; dabei werden sowohl die Mittel als auch die Haupt- und Neben-, sowie Nah- und Fernwirkungen abgewogen.

Vom älteren zum neuen Nachhaltigkeitsprinzip

Das Nachhaltigkeitsprinzip stammt aus der Ökonomie, genauer: aus der Forstwirtschaft. Es besagt, dass der Waldbesitzer für die langfristige Einkommenssicherung nicht mehr Holz schlagen darf, als nachwächst. Es ist individualistisch orientiert, entfaltet aber zweifellos soziale und ökologische Wirkungen. Das neue Nachhaltigkeitsprinzip ist global ausgerichtet und fordert unter Anerkennung einer eigenständigen ökonomischen Dimension in der Alltags- und Lebenswelt die Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Belange der Menschheit im internationalen und intergenerationellen Zusammenhang. Da die Folgen globaler Ungleichgewichte, insbesondere Umweltbelastungen, nicht vor den nationalen Grenzen haltmachen, haben auf Nachhaltigkeit zielende individuelle Aktivitäten sowohl globale als auch regionale und individuelle Rückwirkungen.

Wie kommen wir zum ökonomischen Handeln im Sinne der nachhaltigen Entwicklung? In den Gesellschaften des Westens gibt es bereits eine Fülle von Werthaltungen und Lebensstilen, die eine generelle Orientierung oder zumindest einen speziellen Ansatz für ein weitergehendes Denken und Handeln im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips darstellen. Zu diesen generellen Werten gehören die Vorstellung von der Bewahrung der Schöpfung, der gerechten Teilhabe aller Menschen an den Gütern der Natur und der Verantwortung für die nachwachsenden Generationen. Zu den Lebensstilen, die dem Nachhaltigkeitsprinzip entsprechen bzw. nahe kommen, gehören zum Beispiel solche, die durch freiwillige Einfachheit, Liebe zur Natur und/oder gesunde Ernährung geprägt sind. Menschen, die in diesem Sinne handeln, tragen zu einer Gestaltung des Wirtschaftssystems bei, das auf Zukunftsfähigkeit hoffen lässt. Damit möglichst viele Menschen eine solche Orientierung gewinnen können, muss ökonomische Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen der Bildung verankert sein.

Wie dies in einem Konzept der ökonomischen Grundbildung im Schulunterricht umgesetzt werden kann, ist hier nachzulesen:

www.ich-bin-meine-Zukunft.de


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