Klimaschutz braucht Arbeit – Plädoyer für einen Perspektivwechsel
Barbara Hemkes © DGB NRWBildende
von Barbara Hemkes, DGB NRW
Nach dem Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen stellt sich die Frage, wie es mit der nachhaltigen Entwicklung weitergehen soll. Eine Pause im Klimaschutz, wie sie jetzt von vielen Unternehmen gefordert wird, wäre fatal - nicht nur wegen der unterlassenen Hilfeleistung für unsere Umwelt. Es würden damit auch großen Chancen verpasst, wirtschaftlich zukunftsfähig zu sein.
Wenn Unternehmen also gegen jede ökonomische Vernunft beim Klimaschutz die Handbremse anziehen wollen, wie wäre es dann, die Perspektive zu wechseln und sich stärker dem Faktor Arbeit in der Wirtschaft zuzuwenden? In der Arbeit – also bei den Beschäftigten und ihren Gewerkschaften - ist ein starker Treiber für nachhaltige Entwicklung zu finden. Denn es geht um Arbeitsplätze.
Mehr Investitionen in Umwelt und Beschäftigung
Die Forderung nach einer Pause im Klimaschutz suggeriert, dass die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise nur durch weniger Umweltschutz zu überwinden sei. Dabei sind die wirtschaftlichen Probleme keineswegs darauf zurückzuführen, dass der Aufwand für Klimaschutz zu hoch war. Im Gegenteil, ein Grund für die Krise ist auch, dass zu viel frei bewegliches Kapital an den Finanzmärkten nach renditeträchtigen Anlagen suchte, während es für Innovationen in den Bereichen Umweltschutz und gute Arbeit fehlte. Wenn die Verantwortlichen jetzt also Lehren aus der Krise ziehen, dann müssen sie den Finanzmarkt so regulieren, dass die Finanzmittel wieder dahin fließen, wo sie benötigt werden: bei Investitionen in Umwelt und Beschäftigung.
Klimaschutz: Positiv für Beschäftigung
Eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums ("Wege aus der Wachstumskrise", Potsdam 2009) hat ergeben, dass eine konsequente nachhaltige Investitionsstrategie die Zahl der Arbeitslosen bis 2020 auf knapp 2 Millionen reduzieren kann. Energetische Gebäudesanierung, ökologische Umgestaltung der Infrastruktur und eine konsequente Orientierung auf Ressourceneinsparung sind die klimarelevanten Elemente dieser Strategie. Eine solche Orientierung der Wirtschaft auf Klimaschutz findet die volle Unterstützung der Arbeitnehmer, weil sie Arbeitsplätze langfristig sichert und neue schafft. Wie Klimaschutz positiv auf Beschäftigung wirkt, zeigt auch das Beispiel Opel: Würde sich der Konzern dazu durchringen, das Elektroauto Ampera am Standort Bochum zu bauen, könnten tausende Arbeitsplätze bei Opel und seinen Zulieferern gesichert werden. Durch einen mutigen Ausbau der Infrastruktur und Vergrößerung der Mobilität würde Opel und die ansonsten vom Strukturwandel gebeutelte Region insgesamt profitieren.
Klimaschutz versus Industrie?
In einem hoch industrialisierten Land wie Deutschland sind sowohl Arbeitsplätze als auch Klimaschutz nur mit der Industrie zu haben. Die deutsche Wirtschaft ist abhängig vom Export industrieller Güter. Als Ausrüster der Welt täte die Industrie hierzulande gut daran, jetzt in emissionsarme und ressourcenschonende Produkte und Produktionsweise zu investieren, die Maßstäbe auf den Weltmärkten setzen. Doch in der Bevölkerung ist das Misstrauen gegen die Industrie stark gestiegen, die Auseinandersetzungen vor Ort um industrielle Projekte nehmen zu. Egal ob Kraftwerksneubau in Datteln oder Erweiterung eines Industriegebietes in der Lausitz, der Protest aus der Bevölkerung ist vorprogrammiert. Die Beschäftigten vor allem in der Industrie sehen sich dadurch wieder und verstärkt unter Druck: Ihre Arbeitsplätze geraten wegen der Ängste besorgter Bürger in Gefahr. De-Carbonisierung, also die Reduktion von CO2-Emissionen, als Klimaschutzstrategie klingt abstrakt gut, schürt jedoch Ängste vor einer De-Industrialisierung. Dies kann aber nicht das Ziel sein.
Die Herausforderung nach Kopenhagen ist vielmehr, Nachhaltigkeit nicht als konjunkturabhängige Zusatzkomponente zu stärken, sondern als Ziel des Wirtschaftens zu realisieren. Es gilt, die industriellen Kapazitäten und Kompetenzen als Teil der Lösung globaler Probleme zu erschließen, um langfristig erfolgreich zu sein. Dieser Ansatz entspricht zwar nicht der Logik der Kapitalmärkte, wohl aber dem Interesse der Arbeitnehmer, die langfristig gesicherte Arbeitplätze haben wollen.
Nachhaltig konsumieren..
Es macht Mut, dass immer mehr Verbraucher die vielfältigen Chancen nutzen, sich ökologisch verantwortlich zu verhalten. Man kann den Müll trennen, beim Einkaufen auf Öko- und fair gehandelte Produkte achten, vom Auto auf die Bahn umsteigen und einiges mehr. Unterstützung und Angebote gibt es von vielen Seiten, man denke allein an den Boom der Bio-Produkte in den Supermärkten. Nachhaltiger Konsum gilt damit zu Recht als wichtiger Treiber einer nachhaltigen Entwicklung. Doch der Mensch ist mehr als die Summe seines Konsums. Arbeit spielt im Leben der Bürger eine herausragende Rolle – über Arbeit definieren sich die Menschen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft. Nirgendwo allerdings wird der Widerspruch zwischen eigenem Anspruch an Umweltschutz und den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten so evident wie am Arbeitsplatz.
..und nachhaltig arbeiten
Wer würde nicht gerne einen Job haben, mit dem man einen nachhaltigen Beitrag zum Schutz der Umwelt leisten könnte? Als Entwickler emissionsarmer Antriebstechnologien, als Architektin für energetische Gebäudesanierung, als Reiseleiterin im Öko-Tourismus oder als Fachverkäufer für Biofleisch? Doch noch haben nur die wenigsten das Glück einen solchen "öko-korrekten" Job zu erhaschen. Natürlich kann man auch an seinem Arbeitsplatz das Papier getrennt entsorgen oder energiesparende Bildschirmschoner aktivieren. Dass die Wirtschaft damit aber einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz leistet, mag man so recht nicht glauben. Die Diskrepanz zwischen den eigenen, konkreten Handlungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz und den Erfordernissen an eine ökologische Umgestaltung der Wirtschaft erscheint vielfach zu groß, als das sie durch individuelles Handeln überwindbar sei. Wer seinen privaten Anspruch an Umweltschutz in sein Arbeitsleben integrieren will, stößt zumeist recht schnell an Grenzen. Es fehlt nicht an Motivation der Beschäftigten, sondern schlichtweg an Gelegenheiten.
BNE in der Arbeitswelt
An diese Grenzen stößt auch Bildung für nachhaltige Entwicklung im Betrieb und im Beruf. Es reicht nicht, die Verhaltensweisen des privaten Konsums in die Arbeitswelt zu transportieren. Vielmehr muss Bildung für nachhaltige Entwicklung die Arbeitswelt selbst ins Visier nehmen und die Beschäftigten als Produzenten begreifen. Wenn sie dabei ihrem Anspruch nachkommen und die Optionen handelnder Individuen erweitern will, heißt dies übersetzt für die Arbeitswelt: Sie muss ermöglichen, dass Akteure in einer Abteilung, im Betrieb, der gesamten Wertschöpfungskette oder einer ganzen Branche gemeinsam Strategien und Maßnahmen zum Klimaschutz suchen und umsetzen. So entstehen Gelegenheiten für Beschäftigte, nachhaltig zu handeln.
Förderung von innovativem Handeln
Dass dies gelingen kann, zeigen betriebliche Erfahrungen, beispielsweise im gewerkschaftlichen Projekt “Ressourceneffizienz für Betriebsräte“. Das Bundesumweltministerium fördert die Initiative. Hier können sich Beschäftigte als betriebliche Effizienzexperten weiterbilden. Sie eignen sich fachliches Wissen an und erfahren, wie man Energiesparpotentiale im eigenen Betrieb erkennt. Außerdem lernen die Teilnehmer, Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, um den Energieverbrauch zu optimieren. Der eigene Arbeitsplatz ist dann der Ort innovativen Handelns.
Noch weitergehender ist der Aktionsradius betrieblicher Interessenvertretungen. Sie haben nach dem Betriebsverfassungsgesetz die Möglichkeit, Einfluss auf die Gestaltung von Produktionsprozessen zu nehmen. Betriebsräte haben ein großes Interesse daran, in ihren Betrieben eine effizientere Ressourcennutzung zu fördern, wenn damit ein Beitrag zur Standort- und Beschäftigungssicherung geleistet werden kann. Denn es ist allemal besser Ressourcen einzusparen als Arbeitsplätze.
Arbeitnehmer haben einen hohen Anspruch an die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Dies haben Erhebungen im Rahmen des DGB-Index "Gute Arbeit" ergeben. Eine Bildungsstrategie, die diese Ansprüche aufgreift, wird Arbeit als wichtigen Unterstützer nachhaltiger Entwicklung entdecken.
Die Chancen sind da – sie müssen aber mutig genutzt werden.
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