Halbzeit der UN Dekade – Eine Einschätzung aus zivilgesellschaftlicher Sicht
Jana Rosenboom, VENRO © privatBildende
Von Jana Rosenboom
Ist das Glas halb voll oder halb leer? Diese Frage wurde den Teilnehmern der Weltkonferenz zur Halbzeit der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" vom 31. März bis zum 2. April in Bonn gestellt. Im Vorfeld der UN-Konferenz veranstaltete der Dachverband der deutschen entwicklungspolitischen Nicht-Regierungsorganisationen, VENRO, einen international besetzten zivilgesellschaftlichen Kongress. Die Ergebnisse und der Verlauf des Kongresses lassen Schlüsse zu, die helfen, die oben genannte Frage zu beantworten.
Ziel der Dekade ist, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen, sowie Kompetenzen und Verhaltensweisen zu erwerben, die für eine lebenswerte Zukunft und eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung erforderlich sind. In einem einstimmigen Beschluss begrüßt der deutsche Bundestag am 1. Juli 2004 das Ziel, "der Förderung der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) höchste Priorität in der Bildungspolitik einzuräumen".
Das Glas ist halb voll:
Die Weltkonferenz und der Kongress der Nicht-Regierungsorganisationen (NRO) haben gezeigt, dass es in Fachkreisen über Landesgrenzen hinweg weitreichende Übereinstimmung gibt, was Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sein soll. In den letzten fünf Jahren hat sich eine internationale Szene aus Politikern und Wissenschaftlern, Umweltpädagogen, Spezialisten des Globalen Lernens, der Friedens- und der Menschenrechtsbildung von den Graswurzeln bis in die obersten Ränge gebildet, die auf ein gemeinsames Verständnis von BNE zurückgreifen kann.
Aus unserer Sicht ein großer Erfolg und die Basis für eine notwendige Weiterentwicklung. Gewisse Differenzen bleiben bestehen – so betonen die entwicklungspolitischen NRO seit Jahren, dass neben der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Dimension des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung eine vierte, politische Dimension in den Blick kommen müsse. Die Bedeutung des in diesem Zusammenhang genannten Schlüsselworts "Empowerment", die Befähigung zur Selbstbestimmung des Einzelnen, wird aber auch von der UNESCO nicht in Abrede gestellt.
Das Glas ist halb voll:
Nicht nur in den Zielsetzungen, sondern auch hinsichtlich der Wege gibt es einen wachsenden internationalen Konsens. Der NRO-Kongress definiert "Bildung als Schlüssel zu einem kulturellen Wandel hin zu nachhaltigen Gesellschaften" und fordert, diese müsse "inklusiv und partizipatorisch" sein und den "individuellen Bedürfnissen der Lernenden" entsprechen. Ein "aktives und kritisches Engagement aus verschiedenen Perspektiven" müsse gefördert werden. Die Bonner Erklärung betont äquivalent, dass BNE "zum Wandel befähigt", "qualitativ hochwertig" sein müsse und "Inklusion" erfordere. Sie befähige "mit Unsicherheiten umzugehen" und hebe die "wechselseitige Abhängigkeit" hervor.
Erstaunlich auch, wie ähnlich zivilgesellschaftliche Bildungsprojekte in Nord und Süd gestaltet sind und wie sehr sich ihre Methoden und Ansätze gleichen. Zentrales Bildungsziel ist nicht mehr, nur Wissen über den Bau eines Windrades, den schonenden Umgang mit Ressourcen, den Verlauf einer Warenkette oder die Inhalte der Menschenrechtscharta zu vermitteln. Viele Bildungsprojekte blicken über die Thematik hinaus und fordern den Perspektivwechsel.
An die Stelle klassischer Wissensvermittlung tritt der Erwerb von Kompetenzen, die den Einzelnen befähigen, sich politisch und sozial für Rechte einzusetzen. Diesen Anspruch findet man fünf Jahre nach Beginn der Dekade genauso bei der KED Action Foundation in Ghana, dem deutschen WeltGarten Witzenhausen wie bei der Clean Air Youth Alliance in den Philippinen.
Zivilgesellschaftliche Initiativen zeigen, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung weltweit in der Projektrealität angekommen ist. Dennoch: So sinnvoll solche Projekte sein mögen, so sehr sie notwendiger Bestandteil eines umfassenden Bildungsangebotes sind, sie können und dürften entschlossenes Handeln staatlicher Bildungspolitik nicht ersetzen.
Das Glas ist halb leer:
Zweifel am Erfolg der Dekade kommen vor allem dann auf, wenn man sich die staatlichen Bildungs- und Nachhaltigkeitsberichte anschaut. Einer Analyse von VENRO zufolge weisen nationale und internationale Bildungsberichte, wie der Bericht "Bildung in Deutschland", der alle zwei Jahre von der Kultusministerkonferenz der Länder in Auftrag gegeben wird, oder der Fortschrittsbericht 2008 zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie "Für ein nachhaltiges Deutschland" der Bundesregierung BNE nur eine marginale Rolle zu.
Ersterer erwähnt den BNE-Begriff nicht einmal und verwendet "Nachhaltigkeit" lediglich in der Bedeutung "dauerhaft". Der nationale Nachhaltigkeitsbericht räumt BNE zwar rhetorisch einen hohen Stellenwert ein, straft sich aber sogleich selbst Lügen, wenn das Politikfeld Bildung weder als Schwerpunktthema aufgenommen noch in seiner Bedeutung als Zukunft gestaltendes Instrumentarium benannt wird (welches über die Qualifizierung von Menschen für den Arbeitsmarkt hinaus gehen muss).
Auch der jüngst erschienene OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick 2009" misst den Wert der Bildung an ihrem "Kapitalwert". Der Bericht bewertet den Erfolg der Bildung in Bezug auf die Erwerbsbeteiligung und den wirtschaftlichen Nutzen eines Landes und stellt zudem selbst nur "marginale Effekte der Bildung auf das Interesse an Politik" fest.
Das Glas ist halb leer:
Ähnlich enttäuschend ist, dass laut Aussage der UNESCO nur eine geringe Anzahl der Mitgliedstaaten an der Erstellung des auf der Weltkonferenz diskutierten Zwischenberichts zur Dekade mitgewirkt haben. So musste man sich auf der Weltkonferenz auf die Darstellung des Entwurfs eines Teilbereiches beschränken. Dies ist sicher weniger dem Versagen der UNESCO als dem fehlenden Interesse der einzelnen Regierungen zuzuschreiben. Schon der Entwurf selbst machte darauf aufmerksam, dass es ein "begrenztes Bewusstsein und Verständnis von BNE auf allen Ebenen" gebe und zivilgesellschaftliches Engagement an vielen Orten zwar vorbildlich, aber nicht ausreichend in die formale Bildung einbezogen sei.
Das Glas muss voller werden
Die vorliegenden Bemerkungen zeigen, dass das Bild zur Halbzeit ein gemischtes ist. Wichtige Grundlagen wurden gelegt, die Umsetzung, insbesondere die flächendeckende Einbindung von BNE in formale Bildungsstrukturen, lässt auf sich warten. Woran liegt das? Am mangelnden Willen politischer Entscheidungsträger? An der Komplexität von BNE? An dem umfassenden Anspruch des Leitbildes, das es offensichtlich jeder politischen Färbung und Interessenkonstellation erlaubt, ihre Agenda als "nachhaltig" zu beschreiben und BNE zu einer politischen "Spielwiese" zu machen? Waren wir zu konsensorientiert?
VENRO hat zu Beginn der Dekade drei zentrale zivilgesellschaftliche Anliegen formuliert:
- An erster Stelle soll das Leitbild BNE im Bildungswesen wirkungsvoll verankert werden.
- An zweiter Stelle wollen wir die entwicklungspolitische und globale Dimension des Leitbildes betonen.
- An dritter Stelle wollen wir die Mitwirkungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Organisationen bei der Umsetzung stärken.
Fünf Jahre nach Beginn der Dekade stellen wir fest, dass die Erfolge zivilgesellschaftlicher Projekte zu den zentralen Erfolgen der Dekade gehören. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass es uns nicht gelungen ist, das Leitbild in der Realität von Bildung wirkungsvoll zu verankern. Das muss die zentrale Aufgabe der zweiten Halbzeit sein.
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