Interview mit dem Institute for Social Banking
Das Bochumer Institute for Social Banking möchte dazu beitragen, dass sich Banker in Zukunft nicht primär am finanziellen Profit orientieren, sondern an den Bedürfnissen und Werten der Menschen. Im September 2006 startete es den ersten dreijährigen Master-Studiengang "Social Banking and Social Finance". Er ist berufsbegleitend, international ausgerichtet und endet mit dem europaweit anerkannten Abschluss "Master in Social Banking and Social Finance". Das Institut ist eine Kooperation verschiedener europäischer Banken, die ethisch, ökologisch und sozial orientiert sind. Katharina Beck und Sven Remer vom Institute for Social Banking stellen im Interview die Ziele der Einrichtung vor.
Frau Beck, Herr Remer, inwiefern unterscheidet sich die Ausbildung zum Social Banker von der klassischen Banker-Ausbildung?
Die Ausbildung unterscheidet sich darin, dass über das "klassische" Bankenwissen hinaus der Fokus auf Werte, Sinn-Stiften und vor allem die Menschen gelegt wird. Dabei ist uns sehr wichtig, das "große Bild" zu betrachten. D.h. wir fokussieren uns nicht auf einzelne Teil-Aktivitäten im Bank- undBildanfang
Katharina BeckBildende Finanzsektor, sondern wir regen dazu an, Zusammenhänge – sowohl innerhalb dieser Sektoren als auch zwischen ihnen und ihrer Umwelt – zu erkennen und zu verstehen. Ein weiteres essentielles Merkmal unserer Ausbildungsangebote besteht darin, dass wir Studenten explizit dazu auffordern, eine kritisch-reflexive und gleichzeitig kreativ-konstruktive Haltung einzunehmen. Dadurch sollen sie in die Lage versetzt werden, sich selbst und ihre Arbeit(-geber) kritisch zu hinterfragen, um darauf aufbauend Verbesserungen zu entwickeln und zu realisieren.
Ist das Konzept als Gegenentwurf zum traditionellen Banking angelegt?
"Social Banking" ist nicht unbedingt ein Gegenentwurf zum traditionellen Banking, denn viele Banken waren in ihrer Ursprungsidee darauf angelegt, der Realwirtschaft zu dienen. Die Entwicklung an den Kapitalmärkten hat diese Ausrichtung allerdings völlig in den Hintergrund treten lassen und es wurde hauptsächlich durch Spekulation Geld erwirtschaftet.
In der derzeitigen Situation kann man "Social Banking" allerdings durchaus als Gegenentwurf zum traditionellen Banking betrachten, denn die "Social Banks" haben nie ihre Dienerfunktion vergessen. Sie haben in den gesamten letzten Jahrzehnten nicht bei den undurchsichtigen Finanzgeschäften mit den hohen Renditen mitgemacht. Nun zahlt sich diese Einstellung aus.
Inwiefern ist das traditionelle Bankertum vereinbar mit Werten wie Moral, Ethik, Gemeinschaftssinn und Nachhaltigkeit?
Wir halten das traditionelle Bankertum nicht per se für schlecht. Wohl wissend, dass "Banking" leicht missbraucht werden kann, um ausschließlich der Maximierung des monetären Profites einiger weniger zu dienen, erkennen wir das Potential von Banken an, etwas essentiell Gutes für die Gesellschaft leisten zu können. Entsprechend gehen wir davon aus, dass ihnen auch weiterhin eine zentrale Aufgabe in der Gesellschaft zukommen wird.
Bildanfang
Sven RemerBildende
In diesem Zusammenhang ist unserer Ansicht nach von besonderer Bedeutung, dass auch traditionelle Banken für "Werte" stehen. Ein guter Banker weiß, dass das zentrale Gut einer Bank in dem Vertrauen ihrer vorhandenen sowie zukünftigen Kunden besteht. Um dieses auf breiter Basis langfristig zu entwickeln und zu erhalten, ist es unabkömmlich, sich moralisch, ethisch, gemeinschafts-orientiert und nachhaltig zu verhalten. Dabei ist insbesondere der Begriff der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit oberstes Ziel eines jeden umsichtigen Bankers, weil es ja gerade um die langfristige Sicherheit der Einlagen gehen muss, da diese essentiell für das Bankgeschäft sind. Gleichzeitig verstehen aber auch immer mehr Menschen, dass eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit ohne soziale und ökologische Nachhaltigkeit nicht zu realisieren ist.
Der Begriff Banker ist ja momentan durch die Auswirkungen der Finanzkrise und die täglichen Meldungen zu überdimensional hohen Managergehältern und Boni negativ besetzt. Was können Sie tun, um das Vertrauen in die Finanzwelt zu erneuern?
Wir haben nicht das Ziel, das Vertrauen in die alte Finanzwelt zu erneuern, sondern wir wollen Vertrauen schaffen, dass es möglich ist, eine neue, nachhaltigere Finanzwelt zu etablieren.
Hierfür verfolgen wir allerdings ausdrücklich keine "name and shame" Politik. Wir gehen davon aus, dass jeder ethisch orientierte und kritisch denkende Mensch die Absurdität hoher Bonus-Zahlungen für Banker erkennt, zumal diese Boni weder mit der Performance ihrer Unternehmen noch mit den in der Realwirtschaft generierten Werten in irgendeiner Verbindung stehen. Entsprechend sehen wir unsere primäre Aufgabe in der Förderung und Ermutigung des kritisch-reflexiven Denkens unserer Studenten und Seminar-Teilnehmer. Wenn sie in ihre Unternehmen und sozialen Netzwerke zurückkehren, entfalten sie eine entsprechende Breitenwirkung.
Darüber hinaus bieten unsere Mitgliedsunternehmen – sozial-ökologisch orientierte Banken und Finanzdienstleister – sowohl unseren Studenten als auch der breiteren Öffentlichkeit einen guten Beweis dafür, dass eine andere Form des Banking möglich ist. Die Tatsache, dass diese Banken erfolgreich sind - sowohl gemessen an der Zahl der Neukunden als auch an der Höhe der Einlagen -, und das auch in Zeiten, in denen nahezu alle konventionellen Banken unermessliche Verluste generieren, ist für uns der schönste Vertrauensbeweis.
Woran erkennt der Bürger einen Social Banker? Gibt es Zertifikate? In welchen Banken sind Social Banker anzutreffen?
Äußerlich sind Social Banker wohl kaum von konventionellen Bankern zu unterscheiden. Zumindest gibt es wohl nicht "den" Social Banker. Menschen, die im "Social Banking" arbeiten, repräsentieren eine große Vielfalt an akademischen, beruflichen, kulturellen und sozialen Hintergründen. Natürlich kommen viele von ihnen aus dem Bankbereich. Aber viele kommen auch aus den zukunfts- und nachhaltigkeitsorientierten Bereichen, um die sich "Social Banks" besonders bemühen, wie z.B. Ökologische Landwirtschaft, Regenerative Energien, oder Alternative Medizin und Erziehung. In dieser Vielfalt liegt auch eine der großen Stärken der "Social Banks". Sie garantiert nicht nur wichtige Expertise in verschiedenen relevanten Bereichen, sie verhindert auch den fatalen "group-think", den wir v.a. in der jüngsten Vergangenheit auf den Finanzmärkten beobachten konnten.
Derzeit gibt es allerdings kaum Zertifikate für Social Banker. Neben den Angeboten des ISB gibt es vereinzelte Kurse und Seminare zu Themen, die auch für das "Social Banking" von Bedeutung sein können, wie z.B. Microfinance oder Socially Responsible Investment (SRI). Entsprechend ist unser Ziel nicht nur, mehr eigene Kurse anzubieten, sondern den Ansatz des "Social Banking" auch als essentiellen Bestandteil in konventionelle Lehrpläne zu integrieren.
Mit Blick auf die Banken, in denen Social Banker anzutreffen sind, wäre es natürlich das einfachste, auf unser Mitglieder-Verzeichnis zu verweisen. Dort finden sich Namen wie GLS Bank, Triodos Bank, Banca Etica usw. Aber im Grunde können Sie Social Banker im Sinne von "sozial-ökologisch orientierte Banker" in vielen Banken antreffen. Das Problem dort ist aber, dass nur wenige dieser Banken ihren Mitarbeitern Gelegenheit geben oder sie gar dazu ermutigen, ihre sozial-ökologische Orientierung zu praktizieren. Manche Studenten unseres Masters in Social Banking und Social Finance studieren ohne das Wissen ihrer Bank-Arbeitgeber bei uns quasi "undercover". Diese Menschen haben die Probleme erkannt, die mit dem konventionellen Bankgeschäft einhergehen und früher oder später werden sie wohl zu echten Social Bankern werden, indem sie Ihre Qualifikationen, Werte und Überzeugungen in hierfür geeigneten Unternehmen einsetzen.
Inwiefern sehen Sie die momentane Finanzkrise als Chance, das Konzept vom Social Banking in der Finanzwelt zu etablieren?
Es ist klar geworden, dass die bisherigen Ausbildungsmodelle die Krise ursächlich mitzuverantworten haben. Menschen, die nur zu Profitmaximierung ausgebildet werden – und das werden sie an der großen Mehrzahl der Wirtschaftsfakultäten – werden in ihrer Arbeit auch nur die Profit- und Eigennutzmaximierung im Fokus haben. Es ist in der Banken- und Finanzwelt - außer bei den "Social Banks" in der Nische - gar nicht möglich gewesen, soziale Verantwortung anzustreben. Man wurde und wird auch heute noch belächelt, wenn man sich für unquantifizierbare Werte wie Umwelt und Soziales einsetzen möchte.
Dass diese Einstellung fatale Folgen hat, erleben wir derzeit. Daher erachten wir die momentane Krise als große Chance, das Konzept des "Social Banking" in der Finanzwelt zu etablieren. Vor allem sehen wir hier die Rolle der Bildungseinrichtungen als zentral an und arbeiten an einer Ausweitung unseres Lehrangebots.
Inwiefern können Sie dazu beitragen, dass eine Finanzkrise wie die gegenwärtige in Zukunft verhindert werden kann?
Wir sind nicht so vermessen zu glauben, dass wir zukünftige Finanzkrisen verhindern können. Uns treibt das Ziel an, dass ein alternativer Finanzsektor heranwächst, der aufgrund seiner nachhaltigen Geschäftspraktiken von zukünftigen Krisen soweit wie möglich verschont bleibt und damit ein Vorbild für Banken und Kunden bildet, die alle – schon aus purem Eigennutz und Selbsterhaltungstrieb – an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert sind. Dazu nutzen wir den Kanal der Bildung.
Die Fragen stellte die Redaktion
Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation, zum Seitenanfang



