BNE-Journal: Gespräch mit Rainer Berg

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BNE-Journal

Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Gespräch mit Rainer Berg

Die Fragen stellte die Redaktion

BildanfangPortrait von Rainer BergBildende

Redaktion: In diesem Jahr ist "Wasser" das Jahresthema der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V. (VDG) setzt sich ja schon seit Jahrzehnten für den Schutz des Wassers ein. Welche Rolle spielt die Umweltbildung bei der Arbeit der Vereinigung?

Berg: Umweltbildung zum Thema Wasser ist seit langem ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt der VDG. Mit unserer bundesweit angelegten Umweltbildungsarbeit richten wir uns an vielfältige Zielgruppen: beginnend im Vorschulbereich, über Grundschule und weiterführende Schulen, die außerschulische Umweltbildung bis hin zur beruflichen Bildung und der Erwachsenenbildung. Die Inhalte reichen von grundlegenden naturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie dem natürlichen Wasserkreislauf bis hin zu spezielleren Fachthemen wie der Bedeutung des Grundwassers als Lebensraum. Wir greifen aktuelle wasserwirtschaftliche Themen und Aufgaben auf und bringen diese verständlich aufbereitet in die Öffentlichkeit. Insofern sehen wir uns gleichsam als eine Schnittstelle zwischen der Wasserwirtschaft mit all ihren Teildisziplinen und der breiten Öffentlichkeit. Die VDG hat ein umfangreiches Angebot an Informations- und Unterrichtsmaterialien entwickelt, das laufend ergänzt wird. Im Rahmen von Umweltbildungsprojekten führen wir auch Fortbildungen für Umweltpädagogen durch, teilweise in Kooperation mit Umweltbildungseinrichtungen als  regionale Kooperationspartner vor Ort, und schreiben Kinder- und Jugendwettbewerbe aus. Ein Beispiel ist das Projekt "Auen leben", das Bach- und Flussauen mit ihren vielfältigen Funktionen in das Bewusstsein rücken und deutlich machen soll, dass naturnahe Auen und ökologisch intakte Gewässer unabdingbar zusammengehören. Das im Frühjahr 2008 gestartete Projekt zum Thema "virtuelles Wasser" greift ein auch in der Fachwelt noch relativ neues Thema auf und soll den Blick auf den eigenen Umgang mit Wasser um einen neuen Aspekt von globaler Bedeutung ergänzen.
Ein Kernstück der VDG-Informationsarbeit ist weiterhin die Wanderausstellung "Wasser ist Zukunft".  Sie bietet dem Besucher auf rund 200 Kubikmetern umfassende Informationen zu einem breiten Spektrum verschiedener Wasserthemen. Die Ausstellung wandert mit sechs bis acht jeweils mehrwöchigen Präsentationsterminen durch Deutschland und wird laufend aktualisiert. Mit ihren zahlreichen interaktiven Exponaten eignet sie sich besonders auch für Kinder und Jugendliche.

Redaktion: Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten aktuellen Aufgaben des Gewässerschutzes in Deutschland?

Berg: Eine der wichtigsten Aufgaben ist derzeit die Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Bis zum Jahr 2015 sollen alle Gewässer der Europäischen Union in einem "guten ökologischen Zustand" sein. Was die Wasserqualität der Oberflächengewässer angeht, haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten bereits viel erreicht. Die Verbesserungen beziehen sich in erster Linie auf die biologische Gewässergüte. Ein hoher Anteil der Fließgewässer hat jedoch durch Gewässerausbau und Querbauwerke strukturelle Defizite und ist daher noch mehr oder weniger weit vom guten ökologischen Zustand entfernt. Hier ist also noch viel zu tun.
Problematisch sind auch nach wie vor die Gewässerbelastungen durch Mikroverunreinigungen, also synthetische organische Stoffe wie Arzneimittelrückstände, Rückstände aus Reinigungsmitteln und Körperpflegprodukten oder dem  Pflanzen- und Materialschutz. Viele dieser Stoffe werden in den Kläranlagen nur schlecht zurückgehalten, gelangen daher in die Gewässer und wirken sich dort trotz niedriger Konzentration  teilweise negativ auf die Gewässerorganismen aus. Hier gilt es, an den Eintragsquellen anzusetzen und den Eintrag in das Abwasser von vornherein zu vermeiden.
Beim Grundwasser sind es in Deutschland vor allem diffuse, also flächenhafte Stoffeinträge, die dazu geführt haben, dass etwa die Hälfte der Grundwasserkörper keinen guten chemischen Zustand aufweist. Den größten Anteil haben leider immer noch Einträge von Nährstoffen, insbesondere Nitrat, und Pestiziden aus der Landwirtschaft.

Redaktion: Worin sehen Sie in Zukunft die inhaltlichen Schwerpunkte für die Umweltbildung im Bereich Wasser und Gewässer?

Berg: Wasser eignet sich als Querschnittsthema besonders für einen fächerübergreifenden Unterricht, da seine vielfältigen Aspekte nicht nur die naturwissenschaftlichen  Fächer Biologie, Chemie, Physik, und Geografie berührt, sondern auch Fächer wie Kunst, Musik, Deutsch, Religion oder Sozialkunde. Wasser und Gewässer sollten in diesem Sinne noch stärker als Thema für Unterrichtsprojekte genutzt werden, zumal das Bewusstsein für die Bedeutung des Wassers keineswegs selbstverständlich vorhanden ist. Gewässer mit ihren vielfältigen Lebensräumen eignen sich auch besonders für die Freilandarbeit, die Kindern und Jugendlichen für eine Wertschätzung der Natur unverzichtbare Naturerfahrung vermittelt. Dies gilt nicht nur für die schulische, sondern besonders auch für die außerschulische Umweltbildung.
Weiterhin wird es zukünftig noch stärker um den persönlichen Umgang mit Wasser im Alltag gehen – sowohl den Umgang mit "realem" Wasser als auch den mit "virtuellem" Wasser.  Beim "realen" Wasser ist Wasser sparen allein nicht genug, hier muss die Vermeidung von Stoffeinträgen stärker in den Vordergrund gestellt werden. Dieser Aspekt lässt sich durchaus auf indirekte Vermeidung von Wasserbelastungen beispielsweise durch  Nutzung von Bioprodukten ausdehnen. Das Konzept des "virtuellen Wassers" macht die Auswirkungen des eigenen Lebensstils und die Nutzung von Alltagsprodukten auf die Nutzung und Verfügbarkeit des Wassers in anderen Teilen der Erde deutlich. Dabei gilt es, ohne erhobenen Zeigefinger ein Verständnis der teilweise komplexen Zusammenhänge zu vermitteln, um zu einer kritischen Betrachtung des eigenen Lebensstils zu kommen und zu Verhaltensänderungen zu motivieren.

Redaktion: Wie können die Wasserprobleme in anderen Regionen der Erde, der ungleiche Zugang zu sauberem Wasser und die mangelnde sanitäre Versorgung wirksam in die Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit einbezogen werden?

Berg: Die dramatische Wassersituation in vielen Teilen der Erde, insbesondere der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser und die unzureichende sanitäre Grundversorgung vieler Menschen sind bei uns in ihrem wahren Ausmaß noch zu wenig bekannt. Besonders die Themen Toiletten und Abwasser erhalten noch zu wenig Aufmerksamkeit – nicht zuletzt deshalb wurde das Jahr 2008 von den Vereinten Nationen zum "Internationalen Jahr der sanitären Grundversorgung" ausgerufen. Hier müssen die Zusammenhänge noch deutlicher herausgestellt und bewusst gemacht werden. In vielen Regionen beeinflusst aber auch der Anbau von landwirtschaftlichen Produkten für den Export oder die Produktion von Industriegütern mit den damit verbundenen Abwasserbelastungen die Verfügbarkeit sauberen Wassers für die Bevölkerung. Das Konzept des virtuellen Wassers kann dabei helfen, diese Zusammenhänge deutlich zu machen und damit auch die Ursachen der Wasserprobleme in den betroffenen Regionen besser zu verstehen, ihr Ausmaß zu begreifen und den Handlungsbedarf aufzuzeigen, um hier zu Lösungen zu kommen.


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