Biologische Vielfalt: Erhaltung als Überlebensfrage
Von Manfred Niekisch
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Bildende
Mit dem Inkrafttreten der Konvention über biologische Vielfalt wurde international ein neues Verständnis von der Vielfalt des Lebens auf der Erde festgeschrieben, das weit über den bis dahin gebräuchlichen Begriff der "Artenvielfalt" hinausgeht. Nach der neuen Definition ist nicht mehr nur die Anzahl der Arten ausschlaggebend, sondern die genetische Vielfalt innerhalb einer Art ist ebenso eingeschlossen wie das Bezugsgeflecht von Tieren und Pflanzen in ihren Lebensräumen, also die Vielfalt der Lebensgemeinschaften und Ökosysteme. Es sind somit die vielen Stoffkreisläufe und Prozesse eingeschlossen, ganz gleich ob Photosynthese, Verdauungsprozesse, Wasser- oder Stickstoffkreislauf, kurz also alles "Werden und Vergehen". Zur räumlichen kommt damit die zeitliche Dimension hinzu, wodurch sich die Konzepte von "Artenvielfalt" und "biologischer Vielfalt" klar unterscheiden. Die statische Betrachtung, welche ersterem anhaftet, wird ersetzt durch Einbezug der Dynamik. Zudem wird noch deutlicher, dass es – gewissermaßen auf der untersten Ebene – eben nicht nur um "Arten" geht, also knapp gesagt natürliche Fortpflanzungsgemeinschaften sich stark ähnelnder Individuen, die fruchtbare Nachfahren zeugen, und die Unterschiede zwischen diesen, sondern auch um die genetische Vielfalt der Individuen, Varietäten, Rassen und Unterarten innerhalb einer Art.
Mit Fortschreiten der genetischen und der ökologische Forschung war der Artbegriff ins Gerede gekommen, weil er vielfach nicht ausreicht, natürliche Phänomene zu erklären beziehungsweise die Vielfalt der Formen, in denen sich Leben manifestiert, ausreichend zu beschreiben. Immerhin ist das von Carl von Linné eingeführte System, Tiere und Pflanzen in ein für den Menschen logisches und nachvollziehbares Ordnungssystem zu bringen, rund 250 Jahre alt, stammt also aus einer Zeit, als Genetik noch völlig unbekannt war und Tiere und Pflanzen lediglich optisch beschrieben wurden. Für Nomenklatur und Systematik ist das System weiterhin tauglich, und die Artenzahl wird auch heute noch als ein durchaus brauchbarer Indikator für biologische Vielfalt verwendet.
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Ausgeklügelte und hoch diversifizierte Fischfangtechniken im Mekong Delta,
Vietnam, sind Grundlage des Wirtschaftens der lokalen Bevölkerung. © Prof. Dr. Manfred NiekischBildende
Der weitaus komplexere Begriff der biologischen Vielfalt ist wegen seiner Komplexität schwerer mess- und vermittelbar. Ihn deswegen einfach mit Artenvielfalt gleichzusetzen, wie dies oft geschieht, greift jedoch viel zu kurz und verschleiert genau jene Bedeutungsinhalte, um die es beim Leben auf der Erde eigentlich geht. Nur kurz sei angemerkt, dass – wie in der Wissenschaft durchaus üblich – das moderne Konzept der Biologischen Vielfalt bereits wieder in der Diskussion und umstritten ist. Es ist und bleibt jedoch ein für die Zwecke der Konvention hinreichender Versuch, der Vielfalt des Lebens auf der Erde definitorisch gerecht zu werden.
Angesichts des derzeit stattfindenden massiven Artenschwundes, der ohne jeden Zweifel nicht auf natürliche Ursachen zurückgeführt werden kann, ist der Übergang von "Artenvielfalt" zu "Biodiversität" besonders bedeutsam.
Damit wird die immer wieder gestellte Frage obsolet, wie viel an Artenverlust die Menschheit sich denn leisten könne oder ob Wirtschaft und Wirtschaftswachstum oder gar die "menschliche Entwicklung" nicht Vorrang haben müssen vor Natur- und Artenschutz. In der Tat ist es für das Überleben der Menschheit völlig unerheblich, ob die Nashörner in Afrika und Asien aussterben, ausgerottet werden oder nicht. Und es ist, um den Bogen weiter zu spannen, in Hessen noch kein Ökosystem zusammengebrochen, weil die Gelbbauchunke hier in den letzten Jahren fast völlig ausgestorben ist (es ist genau anders herum!). Auch haben die Menschen in den USA und Kuba mit dem Verschwinden des Elfenbeinspechtes keine Einschränkung ihrer Lebensqualität erlitten. Doch wer so kurze Schlüsse zu ziehen versucht, liegt falsch und stellt die falschen Fragen.
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In Europa bewährtes Werkzeug des Bauern, in den Anden Boliviens Verursacher von
Erosion: Der Pflug. © Prof. Dr. Manfred NiekischBildende
Mit der Forderung nach Erhaltung der biologischen Vielfalt, nicht mehr nur der von "Arten", wird schnell klar, dass es hier in der Tat und ganz undramatisch um das Überleben der Menschen geht. Denn es ist die Vielfalt der Ökosysteme, welche die Umweltdienstleitungen erbringen, von denen der Mensch lebt und auf die er angewiesen ist. Diese Systeme wiederum bestehen aus Einzelbestandteilen in Form von Tieren und Pflanzen, welche an den jeweiligen Lebensraum (also auch in geographisch unterschiedlichen Varietäten) optimal angepasst sind und welche in ihrem Zusammenwirken die "Funktions- und Leistungsfähigkeit" der Natur erbringen. Diese ökosystemaren Leistungen lassen sich holzschnittartig skizzieren mit der Erwähnung von Böden für die Landwirtschaft, Wäldern als Wasserspeicher, Grasländern und Mooren als Senken für Kohlendioxid, Waldgebieten mit ihrer Absorptionsfähigkeit für Sonnenenergie und vielem mehr. Die tief gehenden ästhetischen, emotionalen, spirituellen und kulturellen Werte sind in dieser Aufzählung noch gar nicht erfasst.
Welche direkten Gewinne und Vorteile wir der Natur, der Biodiversität verdanken, lässt sich an Arten schneller erklären:
- Alle Nutztiere und -pflanzen gehen auf wildlebende Arten zurück,
- die Lebensmittelindustrie ist auch bei "etablierten" Nutzpflanzen zur Qualitätssicherung oder Verbesserung immer wieder auf Einkreuzungen mit Wildarten angewiesen,
- die meisten Wirkstoffe der Medizin wurden oder werden aus Tieren und Pflanzen gewonnen,
- das Madagaskar-Immergrün hat die Leukämiebekämpfung revolutioniert,
- Penicillin ist Produkt eines Pilzes,
- Ohne den Fang wildlebender Fischarten wäre die Versorgung großer Teile der Bevölkerung mit genügend tierischem Eiweiß undenkbar.
Diese unsystematische Liste häufig aufgeführter, plakativer Beispiele lässt sich beliebig fortsetzen.
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Während Chinoa überall in den Industrienationen begehrtes und hoch bezahltes
Lebensmittel ist, leidet die Bevölkerung der Herkunftsregion in den Anden
Hunger. © Prof. Dr. Manfred NiekischBildende
Dabei sind noch längst nicht alle Nutzungsoptionen ausgeschöpft. Ganz im Gegenteil lässt sich aus einigen der sehr wenigen dokumentierten Fälle ausgestorbener Arten ableiten, welches Potenzial mit dem derzeitigen Artensterben verlorengeht. Das abrupte Verschwinden einer erst vor wenigen Jahren entdeckten Froschart in Australien bedeutete einen herben Rückschlag in der Hoffnung von Medizinern und Biologen. Verschluckt(e) das Männchen dieser Art doch die befruchteten Eier und brütet(e) die Kaulquappen im Magen aus, welche nach der Metamorphose dann als "fertige" kleine Individuen ausgespuckt werden. Es ist völlig unbekannt, wieso die Larven im Magen nicht verdaut werden. Die begonnene Forschung in Richtung von Heilmitteln gegen Magengeschwüre und Magenkrebs kam mit dem Aussterben der Art zum Erliegen. Und derzeit wird immer wieder das Beispiel der Tannenmeise zitiert, welche erst dann Eier legt, wenn sie genug Kalk in Form von Schneckenhäusern aufgenommen hat. Liegt hier ein Ansatzpunkt zur Forschung nach einem Mittel gegen Osteoporose?
Die allerneueste Zeit hat gezeigt, wie ein Wissenschaftler über zunächst rein botanische, wissenschaftliche Forschung fast nebenbei ein Phänomen entdeckte, das inzwischen als Musterbeispiel der Bionik, also technischer Lösungen, welche der Natur abgeguckt wurden, weltweit Furore macht. Die Frage nach der Verwendbarkeit von Wachskristallen auf der Oberfläche von Pflanzen für die systematische Einordnung führte ihn zur Frage nach der Funktion dieser mikroskopisch kleinen Gebilde. An der Lotusblume untersuchte und fand er, dass sie eine Art Selbstreinigungsmechanismus für die Pflanze darstellen, die ihre Oberfläche damit staubfrei halten und auch Krankheitserreger abweisen kann. Der Botaniker wurde zum Entwickler selbstreinigender Oberflächen für Häuser und Autos, absolut wasserabweisende Stoffe und immer weitere Verwendungsmöglichkeiten.
Es geht jedoch um noch viel mehr als diese an sich schon als anthropozentrische Begründung für umfassenden Schutz der Biodiversität ausreichenden Einzelbeispiele vermuten lassen.
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In der Sierra Nevada de Santa Marta, Kolumbien, diskutieren Siedler und
Indianer die Wasserprobleme der Region. Ursache: Entwaldung für Drogenanbau und
Landwirtschaft © Prof. Dr. Manfred NiekischBildende
Kurz gesagt stehen Klima und biologische Vielfalt in äußert vielseitigen Wechselbeziehungen. Sie bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Die Evolution des Menschen erfolgte innerhalb dieser Evolution von Klima und Biodiversität, sie erfolgte in dieser Umwelt und in diese Umwelt hinein. Die Ausbreitung von Wüsten, die Versteppung und Verwüstung der Agrarlandschaft, Entwaldung, Überschwemmungen zur Unzeit oder anhaltende Dürreperioden führen in den ärmeren und ärmsten Ländern der Erde, und insbesondere in den Tropen, bereits heute nicht nur zu einem dramatischen Verlust an Lebensqualität, sondern zur Unmöglichkeit, dort auch nur das Existenzminimum zu erwirtschaften, also zu überleben. Zu große Abweichungen vom "evolutiven Rahmen", welche die Natur dem Menschen gesetzt hat, führen zum Ende der Bewohnbarkeit für den Menschen. Die vor allem in Afrika bei oberflächlicher Betrachtung als ethnische Konflikte erscheinenden kriegerischen Auseinandersetzungen sind in Wirklichkeit bereits manifeste Verteilungskämpfe um Böden und Wasser. Auch für die Anfang 2008 ausgebrochenen gewalttätigen Unruhen war Unzufriedenheit über das Präsidentschaftswahlergebnis in Kenia nur der auslösende Funke. Zugrunde lag dem aufflammenden Bürgerkrieg ein Jahrzehnte zurück reichender Konflikt um Landbesitz zwischen zwei Ethnien, der durch die Kolonialzeit verschärft worden war. Je knapper fruchtbare Böden und sauberes Trinkwasser werden, desto häufiger und schlimmer werden die Verteilungskämpfe ausfallen. In Europa selbst droht diesbezüglich relativ wenig direkte Gefahr. Doch zeigen die alljährlichen Ströme von zehntausenden Flüchtlingen, die längst nicht mehr nur aus Nordafrika, sondern inzwischen auch aus Zentralafrika unter Einsatz (und wohl zu gleichen Teilen auch Verlust) ihres Lebens über das Mittelmeer und den Atlantik nach Südeuropa zu gelangen versuchen, dass sich die aus Umweltdegradierung und ungerechter Landverteilung resultierende Armut nicht eingrenzen lässt und ihre Wirkungen bereits die Industrienationen erreichen.
Die reicheren Nationen der Erde haben die Möglichkeit, ihre eigenen ökologischen Probleme durch Importe und Technologie zumindest vorläufig zu überbrücken. Diese Möglichkeiten sind den meisten Entwicklungsländern verwehrt. Der aktuelle Trend, Energieprobleme in Europa durch "Biosprit" zu lösen, geht noch mehr zu Lasten der Umwelt in den Tropen, und inzwischen schaltet sich beispielsweise auch die katholische Kirche in Brasilien, einem potenziellen "Hauptlieferanten" ein aus Sorge, der "Biosprit" für Europa vergrößere die Armut in den Produktionsländern und treibe die Lebensmittelpreise in für weite Bevölkerungskreise unerreichbare Höhen. Hunger in den Tropen als Preis für saubere Luft und mehr Lebensqualität in Europa? Kein ganz neues Phänomen, aber ein heute nicht mehr hinnehmbarer Gedanke!
Es wäre natürlich ein fatales Missverständnis, aus dem Zustand der globalen Biodiversität abzuleiten, sie dürfe nun nicht mehr genutzt werden. Ganz im Gegenteil muss sie ja gerade deshalb erhalten werden, weil der Mensch auf diese Nutzung sozusagen auf Gedeih und Verderb angewiesen ist. Restriktive Maßnahmen, um Übernutzung zu vermeiden, sind dabei in vielen Fällen unverzichtbar. Dies ist deswegen kein Widerspruch, weil vorrangig die Dauerhaftigkeit der Sicherung und damit die dauerhafte Nutzbarkeit der biologischen Ressourcen stehen müssen.
Schutz der biologischen Vielfalt ist also bei weitem nicht nur eine Frage der Ökologie oder gar nur des Naturschutzsektors, sondern bedeutet nichts weniger als die Sicherung des Friedens und der Lebensgrundlagen der Menschheit.
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